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Reiseheft: Folge 3

Mai 2021

FOLGE 3 / Die, die auf den Geschmack kamen…

Tag 6 

In Cérons überqueren wir die Garonne: Was für eine Aussicht! Der Unterschied zwischen den Landschaften auf beiden Flussseiten ist einfach faszinierend: Auf der einen Seite liegt die sanft hügelige und von Weinhängen geprägte Landschaft des Entre-deux-Mers, auf der anderen ist das Panorama mit dem Graves & Sauternes viel flacher. Ich unterbreche Noémie, die gedankenversunken die Aussicht bewundert: „Was gefällt dir besser?‟. Ich weiß, dass sie gerne unterschiedliche Gegenden bereist und die Vielfalt liebt, aber gut, um mich aufzuziehen, sagt sie mir, dass sie vor allem die Ruhe liebt – ich will erst meckern, muss dann aber unwillkürlich lachen.

Wir erreichen das Château Gravas mitten am Nachmittag. Noémie lag der Besuch dieses Weingut besonders am Herzen, weil hier eine Ausstellung über Paul Flickinger gezeigt wird, einen facettenreichen Künstler aus Lothringen. Florence, die Winzerin und Gutseigentümerin, begrüßt uns. Sie erklärt uns, dass das Weingut seit Jahrzehnten von der gleichen Familie geführt wird. Die ganze Familie kümmert sich auch um den Gästeempfang. Sie verrät uns die subtilen Eigenschaften des Likörweins aus Sauternes während wir den Weinkeller betreten, in dem einige Werke des Künstlers hängen: eine ganz einzigartige Atmosphäre! „Zwischen der Welt des Weins und der Welt der Kunst gab es schon immer eine starke Verbindung, und ganz besonders in Bordeaux. Meine Familie liebt seit ich denken kann die zeitgenössische Kunst. Deshalb war es eine ganz logische Entscheidung, unseren Weinkeller mit den Werken eines Künstlers zu teilen‟.

Während der Verkostung scheint die Zeit stehen zu bleiben. Wir sind verzaubert von den Charme, den dieses Ambiente aus Weinfässern, Skulpturen, mit dem Duft des Weinkellers und dem Glanz der Kunstwerke versprüht… Noémie kann ihren Blick nicht von den Werken abwenden. Sie nippt verträumt an ihrem Glas und schwenkt dabei unerlässlich den Wein (und ich traue mich nicht ihr zu sagen, dass man das doch gar nicht soll!).

©Anna Burg

Tag 7 

Heute besuchen wir kein geringeres als das Château Guiraud, Premier Grand Cru Classé de Sauternes! Vor uns ein Gemüsegarten, links das Weingut und rechts das Restaurant, das sich in einer ehemaligen Kapelle befindet. Der Führer des Hauses erklärt uns, woher der einzigartige Geschmack des Sauternes kommt. Was, von Pilzen? Von Schimmel? Ich kann mir ein ganz leises „igitt‟ nicht verkneifen, aber Noémie mahnt mich mit bösem Blick sofort zur Ruhe. Zum Glück, habe ich es doch tatsächlich für eine Sekunde gewagt, den großen Sauternes in Frage zu stellen. Das kommt nicht wieder vor, versprochen! Zumindest weiß ich jetzt, das man hier bei Pilzen keinen Spaß versteht.

Was ich also eigentlich sagen wollte, ist, dass der BOTRYTIS CINEREA, wie der kleine Pilz heißt, hier dank der Topografie des Ortes wunderbar gedeihen kann. Der unterhalb des Gutes fließende Ciron führt ein recht kaltes Wasser, das im Herbst dort, wo er mit der wärmeren Garonne zusammenfließt, ein Mikroklima mit einem leichten Nebel schafft, das ideal für das Wachstum dieses Pilzes ist. Der Pilz verursacht eine Edelfäule – ich werde mich wohl für immer wundern, wie diese beiden Gegensätze ein Wort bilden können. Nun gut, kommen wir zu unseren Pilzen zurück, die dafür sorgen, dass das Wasser aus der Traube verdunstet und nur der Zucker übrig bleibt. „Die Lese erfolgt von Hand, Bündel für Bündel und Traube für Traube.” Außerdem arbeitet dieses Weingut seit 20 Jahren in biologischer Anbauweise. Beeindruckend.

Nach der Besichtigung verspüre ich beim Lesen der Menükarte des Restaurants La Chapelle plötzlich einen Bärenhunger. Gartensalat und Austern aus dem Becken auf trockenem Weißwein des Gutes. What else!

La Chapelle Guiraud

Tag 8  

Diese Geschichte über den Fluss Ciron hat unsere Neugier geweckt. Wir wollen ihn gerne besser kennen lernen und überlegen, ihn mit dem Kanu abzufahren. Wir wollten sowieso, dass unser Urlaub sportlich angehaucht ist, und da wir auch das Abenteuer lieben, nun ja vor allem Noémie… Kurzum, die Entscheidung steht fest.

Wir machen uns also auf den Weg zur Wassersportanlage in Bommes. Wir kaufen das Kombiticket Kanu + Besichtigung des Domaine de Carbonnieu: Damit ist uns die Belohnung nach der Anstrengung auch schon sicher! „Sie sind mit Ihren Fahrrädern unterwegs? Wenn Sie möchten, transportiere ich Ihre Räder und Ihr Gepäck zum Zielort, dann können Sie Ihre Route gleich wieder aufnehmen‟ schlägt uns der Kanuführer vor. Super! Dieser Vorschlag hebt gleich meine Laune, so bleibt mir der Rückweg erspart. Wir wollen es ja nicht übertreiben! 

Und schwupp sitzen wir im Kanu und gleiten im Schatten der Bäume und Weinberge über das Wasser. Wow. Ein unvergleichliches Gefühl von Frische, der Duft der vorbeiziehenden Landschaft, die Natur… Wir müssen ein paar Stromschnellen bewältigen, insgesamt ist der Parcours aber relativ ruhig und wir genießen eher die Atmosphäre der Umgebung, als dass wir Nervenkitzel erleben. Noémie hält den Ausblick mit dem Bleistift fest, und macht sich über meinen Gesichtsausdruck lustig, wenn wieder eine Schnelle in Sicht kommt. Also bitte, ich konzentriere mich doch nur!

Auf dem Domaine de Carbonnieu werden wir von Alexis in Empfang genommen: Er ist der Eigentümer und produziert zusammen mit Vater und Bruder Sauternes-Wein. Während wir ein Glas probieren, erzählt er um von diesem geheimnisvollen Nebel über dem Ciron und dessen Wichtigkeit für den Weinberg. Ich bin angenehm überrascht von der Vielfalt der Aromen und endgültig völlig in den Bann gezogen von dieser Geschichte, die eine richtige (wahre!) Legende über dieses Land zu legen scheint.

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